Yom Kippur und wirre religiösität

29. September 2009

An Yom Kippur, als Tag an dem Gott laut jüdischen Glauben entscheidet ob du ins buch der Lebenden oder eben nicht geschrieben wirst, muss das absolute nicht arbeiten noch strenger eingehalten werden als am Shabat. Auf den Straßen in Jerusalem laufen die Leute, da alle ihre Autos stehen lassen. Es herrscht angenehme Ruhe, es wird (draußen) nichts gegessen, nicht getrunken und nicht mal geraucht.
Für die Kinder scheint es der schönste abend im jahr zu sein, viele scheinen zum ersten (und einzigen) mal fahrrad zu fahren, die straße gehört ihnen, sie müssen auch nicht fasten.

yom kippur

Dank des Wahlabends ist der Großteil der Gruppe weggewesen auf einer Party und wir saßen zum Teil schlechten Wodka aus einer 1,75L-Falsche trinkend (sündigend) im Seminarhaus. Eine Frau, trotz warmen Wetter lange klamotten an, fragt uns, ob wir zufällig nicht-juden sind und ihr helfen könnten, sie hat eine flamme angelassen. Sie ist 2 Straßen gelaufen, hin und zurück, um nicht den Knopf der Gasflamme zu drehen. Zum Dank haben m. und ich leckere deutsche schokolade bekommen, absolute mangelware hier und deswegen wurde sie auch gleich von meiner mitbewohnerin weggefuttert, ohne dass ich ein stück abbekommen habe. Wir verabschiedeten uns von der sehr netten und tatsächlich gesprächigen Frau mit „chag sameach“, sie sagte: „You saved me.“

später am abend spazierten wir zur nächst größeren Kreuzung wo sich schon seit einer weile jugendliche angesammelt hatten. viele trugen weiß, waren rausgepuzt, haben ihre hunde mit (u.a. 3 mopshunde!), ein großteil trug kippas.
gruselig wurde es, als 2 junge männer, mit handy telefonierend und in provozierender mannier den bis dahin nett quatschenden jugendlichen zuriefen, wir vermuten dass es arabische muslime waren. Die stimmung wandelte sich, trotz polizeipräsenz ziemlich schnell. zwei, drei steine flogen auf sie, ein jugendlicher holte eine latte und der mop lief den 2 provokateuren hinter her, bis diese irgendwann sehr schnell rennend auf einen hof flüchteten. die polizei griff erst ein, als es nicht mehr anders ging. trotz dieser eskalation war die stimmung unter den leuten immernoch entspannt, diese kurze jagd wurde wie nebenbei erledigt. Wie das steinewerfen auf trotz yom kippur vorbeifahrende autos (trotz anwesender polizei!)… kommt ein auto gefahren gehen alle zuschauer_innen aus der wurflinie.
mit der zeit griff die polizei dann doch zunehmender ein, die festnahmen wurden rabiater, die menge richtete aber kaum ihren zorn gegen die polizisten. Diese brauchten nur kurz ihren schlagstock durch die luft zu schwingen, und alle wichen zurück.
die leute haben keinen alkohol konsumiert, alles nur aggressionen… merkwürdiges gesellschaftliches phänomen. vielleicht war es nur ein einzelbeispiel. jerusalem halt.

pretty shocking.

touriglück in der westbank

18. September 2009

gestern abend sind wir (m., j. und ich) nach Bayt Jala gefahren um dort einen mitschüler von m. zu besuchen. erste schwierigkeit war zu realisieren, dass sobald es dunkel wird (also 18:30/19uhr) bestimmte arabische shirut nicht mehr fahren. zum beispiel der bus nach bayt jala.

kurzerhand nahmen wir den bus nach bethlechem, zum berüchtigten checkpoint. innerhalb weniger minuten waren wir an der mauer und dem irrgartnähnlichen, aber um diese uhrzeit menschenverlassenen grenzkontrollen, morgens soll es dort die hölle sein. wir wurden kaum angeguckt, nur durchgewunken. die andere seite der mauer ist mit politischen parolen versehen. weiter gings mit taxi und halsbrecherischer fahrt nach bayt jala, zu einer deutsch-christlichen schule auf einem hügel.
die vorfreude und der hunger war groß, allerdings mehr bei m. und j. die schon fast tränen in den augen hatten vor hunger auf fleisch. verrückt.
noch mal bier gekauft und festgestellt, dass dieses gebiet definitiv geeigneter ist für meine cola sucht. nur 3 shkalim die flasche.
mein vorhaben an diesem abend nicht über den konflikt zu reden war schnell totaler bullshit, die deutschen freiwilligen dort haben großen redebedarf, auf der party waren auch christliche palästinenser. trotzdem wir uns wahrscheinlich gegenseitig nicht richtig zugehört haben, hatten wir danach eine menge spaß zusammen. vielleicht war es notwendig, aber auf jeden fall war es extrem interessant…

um nicht 100shkalim fürs taxi zu blechn fuhren wir erst am nächsten morgen für 6NIS each zurück nach jerusalem. langsam habe ich das gefühl mich an das nicht existieren von fahrplänen für die shiruts zu gewöhnen. zurück durch den checkpoint wurde uns ebenfalls in schillernden farben als stressig lang beschrieben, und wieder hatten wir enormes glück und waren pünktlich beim hebräisch kurs nach einer durchgemachten nacht.

EDIT:

wir sind aufs dach der schule geklettert und hatten einen beeindruckenden blick auf die umgebung – größtenteils nicht beleuchtet. Ausnahme natürlich der checkpoint:

Checkpoint bei Nacht

beim warten auf den bus hat uns nicht nur ein kleiner verrückter hund gesellschaft geleistet – wir waren auch umgeben von einem massiven müllproblem. die Hügel in der Umgebung sind alle mit kleinen treppenterassen bebaut.

Bayt Jallah Umgebung

fußball, taxi, olé olé

17. September 2009

tragisch aber wahr: das ergebnis des vorgestrigen spielen maccabi haifa gegen bayern münchen in Tel-Aviv. 3:0 hat Haifa verloren, obwohl Bayern echt schlecht gespielt hat.
während des gesamten Spiels wurde Bayern ausgebuht und die Maccabi Haifa Fans waren erst nach dem 2:0 so enttäuscht, dass sie aufhörten Dauerparty zu machen.
An der Tribüne hing ein Transpi mit der Aufschrift:
„Different Time, different Place, same Empire!“

"different time, different place, same empire!"

ansonsten waren die reaktionen auf uns mit einem bayern trikot träger sehr sehr überschwenglich. dazu kommt, dass die tel-aviver haifa verlieren sehen wollten und einige im haifa block bayern sachen trugen oder auch eine deutschland fahne schwenkten.

ich kann jetzt hebräische Fangesänge und hab iamadoughnut zufällig getroffen. der konnte nicht mal sagen das wievielte spiel in israel er angeguckt hat, er ist hier auf einem fußballaustausch.

der rückweg war spannender und vor allem länger als erwartet. erst ein im stau steckender bus, aus dem wir dank einer sicher sehr netten frau zu früh und mitten im nirgendwo ausstiegen. dann ein shirut (großes taxi/kleiner bus), dass los fuhr als wir noch nicht alle drin waren. endlich am richtigen busbahnhof ein ganzes shirut für uns allein, knüpft uns den fahrpreis 5 minuten nach dem losfahren ab und bringt uns ans falsche – nicht so abgesprochene – ende der stadt. der fahrer ist geübt mit meckernden deutschen umzugehen. als sich 4 von uns 13 weigern auszusteigen schreit er noch lauter und droht wieder zurück nach tel-aviv zu fahren, macht die tür zu und fährt an. wir sind dann doch lieber ausgestiegen, da der fahrer auf der hinfahrt schon schwierigkeiten hatte wach zu bleiben.
auf dem nachhause weg wurden wir noch von einem zugekoksten mann angesprochen, der uns größtenteils schlecht Gelaunten seine lebensgeschichte erzählen wollte. Er war der sohn zweier shoa-überlebender. er ist dj und mediziner und wollte uns noch mit auf party nehmen.

nach einer stunde laufen lagen wir im bett. 3 stunden später mussten wir nach yad vashem…

da das haus kosher ist, fliehen 2 der coolen mitfreiwilligen und ich heute abend in die westbank zum grillen. ich hab irgendwas von einem fleischvorrat für 150€ gehört?

maccabi haifa vs. bayern münchen

14. September 2009

fußball…und das ganze in tel-aviv und ich bin morgen abend dabei – sofern wirs durch die jerusalemer rush hour schaffen.

und das alles für 100NIS!

freuet euch auf die berichte.

Kanzler_in Duell

13. September 2009

heute is was los, heute is kanzler_in duell.
da wir aber in jerusalem definitiv kein deutsches tv haben und der livestream bei niemandem hinhaut, gabs jetzt folgende geniale lösung:

mein macker stellt sein netbook(webcam) vor seinen extrem laut gestellten tv und skype-videophoniert mit mir.
und tatsächlich sitzen trotz geringer qualität immernoch 6 von 8 leuten aufmerksam davor. es gibt den junge union-ler, den steinmeier-fan, die anti-parteien-person und leute, die einfach ihr intelligentes image darauf aufbauen merkel und steinmeier zitieren zu können.

ich bleib dumm und guck nicht zu.

dazwischen oder: radikal gemäßigt

6. September 2009

nicht mehr hier und noch nicht da.

am freitag gehts los. heute konnte ich vom vorbereitungsseminar fliehen – nicht aber von den entsendegottesdiensten. religion ist immer noch nix für mich.

das seminar macht wenig spaß. die leute sind alle so gemäßigt. ich traue mich meine politischen ideen nicht mal zu äußern, denn ihre gemäßigte einstellung verteidigen sie radikal. wenn auf diskriminierung in der sprache aufmerksam gemacht wird, bist du nur noch die „feministin“ (ausnahmsweise nicht ich). von dem anderen israelfreiwilligen, der mit einer organisation weggeht, die hauptsächlich mit opfern der shoa arbeitet und von seinen freund_innen eine signierte deutschlandfahne mitnimmt, will ich gar nicht anfangen… „deutschlands ruf im ausland verbessern“ – eigentlich nicht das ziel

küsse